Maria Stockhaus

Sozial. Ökologisch. Gerecht.

Planstraße: Wer Straßen baut, wird Verkehr ernten.
14. Dezember 2021

Redebeitrag

Sehr geehrter Stadtverordnetenvorsteher

Werte Stadtverordnete,

Eine Rede zur Planstraße zu schreiben, stellt mich vor eine besondere Herausforderung.

Wo fange ich an?

Ganz ehrlich? Es gibt eine ganze Fülle an Kritikpunkten.

Von zunehmender Lärmbelästigung für die Lincoln-Siedlung, die neu entstehende Flächenversiegelung, den Verlust an Wald, die intransparente Bewertung der vorgelegten Varianten, die Notwendigkeit des Aus- und Umbaus weiterer Kreuzungen stadteinwärts, die fehlende Bürger*innen-Beteiligung. Und, und, und.

Aber ich habe nur 5 Minuten.

Was wir brauchen sollte klar sein. Wir brauchen sofortige Maßnahmen zur Reduktion der Emission von Treibhausgasen, um die immer schneller voranschreitende Klimakrise zu stoppen. Um den Schaden auf das bisherige Maß zu begrenzen.

Verkehrs ist für 30% der Treibhausgasemissionen in der EU verantwortlich. Davon entfallen 72% auf den Straßenverkehr. Und davon wiederum 60% auf den PKW. Das macht dann also 13% Treibhausgasemissionen aufgrund von Pkw.

Die EU hat das Ziel definiert, die Verkehrsemissionen bis 2050 gegenüber 1990 um 60% zu senken. Allein dieser Sektor weist seit 1990 ein stetes Wachstum von inzwischen 25% auf.

Ziel und Wirklichkeit laufen hier auseinander.

Leider ist diese Diskrepanz auch in Darmstadt sichtbar.

Im Masterplan 2030 steht, dass die Mobilitätswende mit einer veränderten Verkehrsmittelwahl gefördert werden soll.

Zitat: „Also weg von der Auto-Orientierung, hin zum Ausbau des Umweltverbundes“

Konkret heißt das: Nur noch 25% MIV in 2030 statt bisher 35%. Das Ziel ist gut und entspricht einer Reduktion um 30%. Und doch soll jetzt eine neue Straße gebaut werden; die Planstraße A

Begründet wird deren Notwendigkeit bereits 2011 mit den bereits bestehenden verkehrlichen Engpässen und den zusätzlichen Fahrten aus dem dann neuen Viertel. Eines autoarmen Viertels.

Für mich sind die Reduktion des MIV-Anteils und der Bau einer neuen Straße ein unvereinbarer Widerspruch.

Wenn der Anteil PKW an den zurückgelegten Wegen in 2030 30% niedriger sein soll und ich gewillt bin, dies auch mit allen Push- und Pull-Faktoren umzusetzen, dann verstehe ich nicht, wie eine heute bestehende Engstelle 2030 noch bestehen soll.

Wenn ich also an die Bestrebungen der Koalition glaube, brauche ich diese Straße nicht. Und wenn ich der Klimakrise Einhalt gebieten will, dann darf ich diese Straße nicht bauen. Denn sie verstetigt die Nutzung eines zu vermeidenden fossilen Verkehrsträgers.

Und auch aus verkehrswissenschaftlicher Sicht ergibt der Bau einer Straße zur Vermeidung von Verkehr keinen Sinn, denn es gilt das Phänomen des induzierten Verkehrs zu betrachten. Eine bestehende verkehrliche Situation wird durch den Bau einer zusätzlichen Straße nur kurzfristig entlastet. Die eintretenden Reisezeitersparnisse werden dazu führen, dass bisherige Nichtnutzer des Autos, dieses nun wieder als attraktiver als Rad, Fuß oder ÖPNV einschätzen. Die Reisezeiten werden aufgrund nicht internalisierter externer Kosten wieder steigen.

Es wird die gleiche verkehrlich schlechte Lage wie vor dem Bau der Straße eintreten. Wenn also vor dem Bau einer Straße mehr Verkehr prognostiziert wurde, dann wird dieser auch mit Sicherheit kommen. Das wiederum nennt sich eine sich selbst erfüllende Prognose.

Wir müssen die Option des zusätzlichen Straßenbaus aus unserem Werkzeugkoffer entfernen. Straßen bauen darf zur Auflösung von verkehrlichen Engstellen nicht mehr herangezogen werden. Wir dürfen keine Infrastruktur für einen Verkehrsträger bauen, den es zu überwinden gilt!

Was wir brauchen sind Gemeindegrenzen übergreifende Verkehrskonzepte, um die Pendlerströme zu reduzieren. Wir brauchen mehr Umweltverbund und weniger Straßen.

Und zum Schluss möchte ich kurz auf das Thema Wald und Bäume eingehen.

Die neue Straße im Bau der Variante 3 wird eine forstwirtschaftliche Fläche von 12.250 Quadratmetern betreffen.

Bei einem Baum alle 25 Quadratmeter würde, das die Fällung von ca. 500 Bäumen bedeuten.


Magistratsvorlage 2021/0334: Vorplanung Planstraße A südlich der Lincoln-Siedlung