Maria Stockhaus

Sozial. Ökologisch. Gerecht.

Nachhaltigkeitsbericht oder wie rechne ich mir mein Erdgas grün
11. November 2021

Redebeitrag

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher,

werte Stadtverordnet,

Sowohl der Bericht als auch die neue Website „dienen dazu, das Engagement der Stadtwirtschaft für eine nachhaltige Entwicklung den Bürgerinnen und Bürgern vorzustellen“.

Welche nachhaltige Entwicklung? Und wo genau kann ich das sehen?

Der Bericht soll angeblich Transparenz schaffen und es wäre auch mein Anspruch an eben diesen Nachhaltigkeitsbericht. Ich möchte wissen, wo die Stadtwirtschaft aktuell bei ihren CO2-Emissionen steht bzw. ihren CO2-Äquivalenten. Mühsam muss mensch sich durch grafisch wertvoll und inhaltlich leere Darstellungen quälen, die in keiner Weise zu einander in Bezug gesetzt werden.

Da stehen relative Werte, ohne die absoluten daneben zu stellen. Da stehen Summen, wo nur der Einzelwert wirklich aussagekräftig ist.

Und dann stolpere ich beim Lesen über so richtige Knaller

Seite 19: „Im Vergleich zu 2018 ist der Energieverbrauch um 1,5% gestiegen. Im Wesentlichen ist der Anstieg durch den Mehrverbrauch von Erdgas in der Wärmeerzeugung begründet“

Dies entspricht einem Anstieg von 5,9% oder 2.500 t Co2 von 2018 auf 2019

Gleiche Seite: Das ist aber alles kein Problem, denn: „Unter Berücksichtigung der Umstellung auf klimaneutrales Erdgas und der damit verbundenen Kompensationsmaßnahmen wurden die CO2-Emissionen um 70 Prozent reduziert.“

„Hauptenergieträger bei der stationären Verbrennung ist Erdgas“

„im Bereich Energieversorgung Büro … liegt der Anteil von klimaneutralem Erdgas bei 90%. Im Bereich der Produktion bei 12%“

„Hauptverbraucher ist aufgrund des Einsatzes von fossilen Energieträgern in Erzeugungsanlagen ENTEGA“

Genau, denn „klimafreundliches“ Erdgas ist immer noch ein fossiler Energieträger. Erdgas wird als Brückentechnologie bezeichnet. Es herrscht der weitverbreitete Irrtum, dass die CO2-Bilanz von Erdgas erheblich besser wäre als die von Erdöl. Hierbei wird zumeist nur auf die spezifischen Co2-Emissionen von Erdgas referenziert.

Nicht betrachtet werden die eigentlichen Lebenszyklus-Emissionen. Erdgas ist Methan. Laut Weltklimarat IPCC ist Methan bezogen auf 100 Jahre 36x klimaschädlicher als CO2. In den ersten 20 Jahren sogar 87x klimaschädlicher als CO2.

Kurz zur Erinnerung:

Die CO2-Uhr sagt, dass wir zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels noch 7 Jahre 8 Monate und 10 Tage haben. Wir haben also schlicht keine Zeit für diese Brückentechnologie.

Das ist aber kein Grund zum Weinen, denn auf Seite 19 haben wir erfahren, dass es sich um klimaneutrales Erdgas handelt. So gut kompensiert, dass auf Seite 22 in der optisch sehr ansprechenden Grafik (deren Größenverhältnisse im übrigen nicht stimmen) glatt von CO2-Emissionen gesprochen wird und nicht von Netto-Emissionen.

Obwohl wir dem Begleittext entnehmen, dass hier Kompensationen enthalten sind. Dadurch wird die wichtigste Information des Berichts nicht aufgeführt. Es fehlt eine Aussage dazu, wieviel CO2 die Stadtwirtschaft jährlich emittiert.

Und genau diese Zahl sollte unser Maßstab sein. Wir können diese aber nicht nutzen, denn es gibt sie nicht im Bericht.

Aber anders als es uns die Grafik glauben lassen möchte, sind die Emissionen nicht weg, wir haben sie nur schön gerechnet. Und allein das ist problematisch.

Ein kleiner Blick auf Kompensationene ziegt weitere Probleme

Wie z.B.

Im Rahmen des Waldschutzprojektes Florestal Santa Maria im Bundesstaat Mato Grosso Brasilien, welches die Entega zur Kompensation heranzieht, ist der Holzeinschlag im umgebenden nicht geschützten Wald Berichten von Umweltschützer*innen vor Ort seit her gestiegen.

Auch hier gibt es Vorwürfe dahingehend, dass die Nutzung durch die indigene Bevölkerung bei den Schutzmaßnahmen nicht oder nur unzureichend berücksichtigt wurde.

Und noch etwas:

Die ENTEGA stellt besser sicher, dass die geschützten Bäume für IMMER dort stehen, denn sonst ist jedes seit 2012 kompensiert Gramm CO2 wieder da (nicht, dass es je weg gewesen wäre).

Die LINKE fordert daher, dass die Stadt aufhören muss, sich ihre Emissionen mittels Zertifikaten schön zu rechnen und sie muss ebenso damit aufhören, Erdgas als Brückentechnologie zu verwenden und mit Euphemismen wie „klimaneutral“ zu belegen.


Ergänzende Unterlagen:

Magistratsvorlage 2021/0276: Nachhaltigkeitsbericht 2019 der Darmstädter Stadtwirtschaft