Maria Stockhaus

Sozial. Ökologisch. Gerecht.

CO2-Neutralität der Christoph-Graupner-Schule: Glaube nur der Statistik, die du selber gefälscht hast
24. Juni 2021

Redebeitrag und Einbringung Änderungsantrag

Die Sanierung der Christoph-Graupner-Schule. Da bin ich dafür, nur um das vorwegzuschicken.

Was ich hier lese klingt toll. Da steht was von “Cradle to Cradle” und auch Fassadenbegrünung. Oh und da steht Co2-Neutral.

Aber was ist eigentlich diese Neutralität, von der immer alle sprechen. Ich habe das mal für Sie gegoogelt. CO2-Neutralität bedeutet, dass durch einen Prozess oder eine Tätigkeit die CO2-Konzentration in der Atmosphäre nicht erhöht wird. Das ist übrigens was anderes als Klimaneutral. Diese CO2-Neutralität kann auf zwei Wegen erreicht werden:

  1. Es wird kein CO2 in die Atmosphäre abgeben. Klingt einleuchtend
  2. Es wird soviel kompensiert, wie in die Atmosphäre abgegeben wird. Klingt irgendwie kompliziert.

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil letzteres dazu neigt als reines Billanz-Rechenspiel umgesetzt zu werden.

Mit der Vorlage zur Christoph-Graupner-Schule hat die Stadt Darmstadt sich für eine Art Mischung aus beidem entschieden. Durch die Sanierung wird tendenziell auch CO2-Emissionen eingespart und durch die  PV-Anlage ist das Ganze dann auch noch CO2-neutral. Wow. Das ist ja echt super. Ähm naja, also jetzt nicht ganz.

Sie alle kennen die Anlage 4. Also da steht drin, dass die PV-Anlage so konzipiert wurde, dass diese als CO2-Senke dient. Zurecht sagen Sie jetzt „aber das ist doch kein Baum“. Nee, ist sie nicht. Hier wird einfach angenommen, dass die ausreichende Dimensionierung der PV-Anlage die Emissionen aus Bau und Betrieb kompensiert, weil sie ja den hinterlegten konventionellen Strommix und dessen Emissionen obsolet macht.  

Ich lass die PV-Anlage mal als Senke stehen; so eher mit einem verwundertem Kopfschütteln.

Um dann also weiter diese CO2-Neutralität zu berechnen wurde ein beliebiger Strommix angesetzt, dessen Fußnotenerläuterung in der Anlage leider nicht existiert. Ich weiß also gar nicht, was da angesetzt ist. Aber okay.

Ist der denn auch repräsentativ für den Strommix, der in Darmstadt verwendet wird und das sollte doch die Referenz sein. Aber gut, gehen wir davon aus, dass die Annahmen zum Strommix realistisch sind und wir weiterhin an unsere CO2-Neutralität glauben können.

Dann haben wir da als nächstes die Angaben über die Watt-Peak. Ich habe das auch mal gegoogelt. Und wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist das kein Wert, mit dem ich wirklich meine kWh-Ausbeute berechnen kann, weil der Wert in Deutschland nur bei 25°C, wolkenfreiem Himmel um die Mittagszeit erreicht wird. Und das alles in Abhängigkeit von Dach-Neigung und spezieller Lage in Deutschland. Ich gehe also davon aus, dass die Menge an erzeugtem Strom unter der aufgeführten Menge liegt. Dann wären wir vielleicht gar nicht mehr sooo CO2-Neutral?

Aber gut, vielleicht kann ich einfach nicht gut googeln und das hat alles seine Richtigkeit.

Was ist dann damit, dass lediglich soviel Fläche mit PV bedeckt werden soll, wie zur Kompensation der Emissionen aus Bau und Betrieb notwendig? Wie wäre es mit dem Ansatz gewesen: Was passt aufs Dach? Ah okay. So und so viel. Super. Nehmen wir. Anstatt das auf die zweite Nachkommastelle in der Neutralität zu berechnen.

Und was ist mit Solarthermie. Das habe ich im Bauausschuss gefragt. Da wurde mir gesagt, das geht nicht. Und ich habe gefragt, muss ich mich darauf verlassen oder kann ich Daten bekommen? Die Antwort kam heute per Mail um 13:01 Uhr. Ein Glück, dass ich meine Reden erst kurz vor Torschluss schreibe.

Und da stand drin:

“Der rechnerische Energieaufwand zur Erwärmung des Schwimmbadwassers über Fernwärme ist so günstig, dass auf die Errichtung einer Solarthermieanlage zu Gunsten einer Größeren PV-Anlage verzichtet wurde, um mehr Strom zu generieren.”

Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass Fernwärme auch durch Erdgas-Verbrennung erzeugt wird und bei dessen Transport Methan in die Athmosphäre entweicht, dass 28mal so schädlich ist, wie CO2 und das regelmäßig nicht in die die CO2-Bilanz von Erdgas eingeht, dann habe ich hier weitere Fragen zur CO2-Neutralität des Gebäudes und noch immer keine Zahlen zur Prüfung der Behauptung Solarthermie ist nicht möglich.

Daher bitte ich Sie unseren Änderungsantrag auf Umsetzung von Solarthermie und maximale Flächennutzung für PV-Anlagen zuzustimmen.

Denn was es braucht ist nicht die Verwendung des nichtssagenden Begriffs der Klimaneutralität und einer Bilanzrechnung sondern den echten Willen zur Veränderung. Der Wille den Energiebedarf deutlich zu reduzieren und den Rest wo irgend möglich umfassend CO2 und Klimaneutral regional zu erzeugen.


Ergänzende Unterlagen:

Magistratsvorlage 2021/0116: Gesamtsanierung Christoph-Graupner Schule

Im Rahmen der Diskussion in der Stadtverordnetenversammlung am 24.06.2023 wurde der Antrag ohne Beschlussfassung in geänderter Form in den Geschäftsgang gegeben:

Die Fraktion Die Linke. stellt folgenden Maßgabeantrag:
Zur Verbesserung des energetischen Konzepts im Rahmen des gewählten „Low-Tech-Ansatzes“ wird IDA dazu aufgefordert, die Heizung des Beckens durch eine Solarthermie-Anlage in die Planung aufzunehmen.
Der Antrag wird in geschäftsordnungsgemäße Behandlung gegeben.


Nochmal nachgehakt:

Bezogen auf den im Geschäftsgang befindlichen Antrag fragte ich in der Fragestunde der Stadtverordnetenversammlung vom 14.12.2021 nach dem Bearbeitungsstand:

Bezugnehmend auf den Begleitantrag der Fraktion DIE LINKE zur Magistratsvorlage 2021/0116″ Gesamtsanierung Christoph-Graupner-Schule”, der die Prüfung der Heizung des Beckens mittels Solarthermie-Anlage verlangt, frage ich, zu welchem Ergebnis die Prüfung geführt hat und ob die Solarthermie Eingang in die Baupläne gefunden hat?

Beantwortet wurde meine Frage durch Oberbürgermeister Jochen Partsch wie folgt:

“Eine Solarthermie-Anlage wurde anfangs mit in Betracht gezogen, jedoch wegen statischer Fragestellungen und aufgrund des geringen CO2-Faktors der am Standort verfügbaren und genutzten Fernwärme des Versorgungsgebietes Darmstadt-Nord (mit Müllheizkraftwerk) verworfen. Solarthermie hätte bei diesen Rahmenbedingungen sogar einen CO2-Nachteil gegenüber der Belegung der Dachflächen mit PV zur Folge.